Wie Tausende Pfälzer sich in Irland integrierten
- 24. Jan.
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Switzer, Benner, Gleasure, Poff, Fitzell – Nachnamen, die für Iren so vertraut klingen wie Murphy und Sullivan. Aber das war nicht immer so. Als die Vorfahren dieser Familien zum ersten Mal nach Irland kamen, fühlten sie sich fremd und weit weg von ihrer Heimat. Kein Wunder, denn ihre Heimat war der südwestliche Teil von Rheinland-Pfalz, ein Land, das wiederum den Iren des 18. Jahrhunderts wohl so fern erschien wie heute Kleinasien.
Protestantische Pfälzer als Gegenpol zur katholischen irischen Bevölkerung
Im Mai 1709 kamen über 13.000 pfälzische Flüchtlinge nach England. Es handelte sich um Handwerker und Kleinbauern aus den Regionen Baden, Hessen und der Rheinpfalz. Die Pfälzer waren die Spitze einer Welle, die bis zu ihrem Abklingen über 30.000 Flüchtlinge nach England gebracht hatte. Sie sprachen viele verschiedene Dialekte, gehörten verschiedenen Glaubensrichtungen an und flohen vor Krieg, religiöser Verfolgung, schlechten Ernten und harten Wintern.

Obwohl Irland nicht ihr erstes Ziel war, als sie in den ersten zehn Jahren des 18. Jahrhunderts flohen, ließen sich Tausende von ihnen mit dem Segen von Königin Anne von London aus hier nieder.
In Irland wollten viele Grundbesitzer die Zahl der protestantischen Pächter auf ihren Ländereien erhöhen und gewährten den pfälzischen Pächtern großzügige Pachtverträge. Mit den Pfälzern und ihrem Arbeitsethos und -wissen glaubten die protestantischen Grundbesitzer das große Los gezogen zu haben. Eine starke Arbeitsmoral? Check! Beeindruckende Fähigkeiten in der Bodenbearbeitung und Tierhaltung? Check! Ruhige, pünktlich zahlende Pächter? Check! Sie erfüllten alle Kriterien. Auch dem englischen Hof kam die Ansiedlung protestantischer Pfälzer in Irland gut zupass, wollte man doch einen Gegenpol zur katholischen Bevölkerung schaffen.
Etwa 538 Familien wurden als Pächter auf den Ländereien anglo-irischer Grundbesitzer angesiedelt. Viele der Siedler konnten sich jedoch nicht dauerhaft etablieren, und 352 Familien sollen ihre Höfe verlassen haben, wobei viele nach England zurückkehrten. Ende 1711 lebten nur noch etwa 1.200 Pfälzer in Irland.

Der eigentliche Grund für das Scheitern war zum einen die mangelnde politische Unterstützung für die Siedlung, zum anderen die später sehr erhöhten Pachtbeträge, die sich die meisten Siedler nicht mehr leisten konnten. Erfolgreich war die Siedlung der Pfälzer jedoch in zwei Gebieten: in den Grafschaften Limerick und Wexford. 150 Familien wurden in Limerick im Jahr 1712 auf den Ländereien der Familie Southwell in der Nähe von Rathkeale angesiedelt. Innerhalb kurzer Zeit hatten sie sich erfolgreich in der Hanf- und Flachszucht sowie in der Viehzucht etabliert. Überhaupt unterschieden sich die Anbaumethoden der Pfälzer in mehreren Aspekten von ihren irischen Nachbarn. Die Pfälzer betrieben nicht nur Viehwirtschaft, sondern in größerem Maße auch Ackerbau, wobei Getreide, Gemüse und Obst angebaut wurde. Das gewährte dann auch größeren Schutz gegenüber Ernteausfällen als eine einseitige Wirtschaftsführung, was sich insbesondere während der von der Kartoffelfäule ausgelösten Hungersnot der 1840er Jahre als entscheidender Vorteil erwies. Weder wirtschaftlich noch physisch litten die Pfälzer so stark wie die Iren, da die Kartoffel bei ihnen eher eine untergeordnete Rolle gespielt hatte.
Etwa zur gleichen Zeit ließ sich in Wexford eine große pfälzische Bevölkerung auf den Ländereien von Abel Ram in der Nähe von Gorey nieder. Die charakteristische pfälzische Lebensweise blieb in diesen Gebieten bis weit ins 19. Jahrhundert hinein erhalten. Heute sind Namen Pfälzer Ursprungs wie Sholdice (die Namen wurden nach Gehör anglisiert,aus Schultheiß wurde Sholdice, Weiß zu Vice, Reiter zu Writer, Switzer, Hick, Ruttle, Sparling, Tesky, Fitzell und Gleasure in ganz Irland verbreitet.
Vivien Hicks' Arbeit zeigt, dass die Pfälzer eine durchaus umstrittene Rolle hatten. Pfälzische Familien sollen bei ihrer Ankunft oft eine Queen-Anne-Muskete ausgehändigt bekommen haben, zur Unterstützung der protestantischen Miliz. Als ein katholischer Ire 1798 in Kilfinnane gefangen genommen und gefoltert wurde, werden die Bartmans/Barkmans ausdrücklich als Teil der Miliz genannt, die den armen Burschen auf Befehl von Charles Silver Oliver auspeitschten. In ähnlicher Weise zeigen Hicks und andere einen Zusammenhang zwischen der Rolle einiger pfälzischer Familien aus Wexford (insbesondere die Hornicks werden erwähnt) im Widerstand gegen die katholische Arbeiterklasse der Whiteboys und dem anschließenden Massaker an protestantischen Familien in Scullabogue, Co. Wexford, während der Schlacht von New Ross im Jahr 1798.
Die Anpassung an Sitten und Bräuche dauerte mehrere Generationen
In der Regel heirateten die Pfälzer zunächst nur innerhalb ihrer eigenen Gemeinschaft und blieben so über Generationen hinweg kulturell und religiös eigenständig. Sie beteten in der Church of Ireland, folgten den frühen methodistischen Predigten und gründeten pfälzisch-methodistische Gesellschaften in Ballingrane, Courtmatrix, Killeheen, Pallaskenry, Kilfinnane und Adare. Die Sprachbarriere - die einfache Bevölkerung sprach Gälisch - war ein großes Hemmnis. Die erste Generation der Pfälzer sprach weder Englisch noch Gälisch. Auch die Haus- und Wohnkultur unterschieden sich deutlich von der der irischen Bevölkerung. die Häuser der "Palatines" waren mit Stroh oder Schiefer gedeckt, auch zweigeschossig und galten als gediegen und ordentlich. Der Historiker Patrick J. O’Connor schließt in seinem Werk People Make Places – the story of the Irish Palatines mit den Worten: „Letztendlich führt alles zurück zu einem Volk, das 1709 aus Deutschland kam und einen Beitrag leistete, der in keinem Verhältnis zu seiner Anzahl stand, für Irland und für die Welt.“
Wer sich für dieses Thema interessiert oder es vertiefen möchte:
Das Erbe der Diaspora in diesem Land wird heute von der Irish Palatine Association stolz bewahrt, deren Museum sich in Rathkeale befindet, wo noch immer viele Nachkommen der ursprünglichen Familien auf dem Land der ersten Siedlung leben.








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